Die Uhr tickt…

Wissenschaftler*innen warnen seit über 40 Jahren vor der Überhitzung der Erde.

Die Menschheit verbrennt große Mengen fossiler Brennstoffe, also Kohle, Erdöl und Erdgas, Benzin und Diesel. Dabei entsteht sehr viel Kohlendioxid (CO2). CO2 ist ein Treibhausgas – es wärmt die Erde wie ein Mantel. Und da immer mehr CO2 ausgestoßen wird, wird der Mantel dicker und dicker.

Am 09. August 2021 erschien der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC). Der IPCC ist eine Institution der Vereinten Nationen. In seinem Auftrag tragen Fachleute weltweit regelmäßig den aktuellen Kenntnisstand zum Klimawandel zusammen und bewerten ihn aus wissenschaftlicher Sicht.

Für den Bericht wurden mehr als 14.000 Studien ausgewertet. Er zeigt, die Erderwärmung schreitet mit großen Schritten voran. Viel schneller und massiver als bisher angenommen. Die Menschheit muss sich überall auf der Welt auf mehr und intensivere Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen einstellen. Ohne drastische Reduzierung der Emissionen wird schon bis in die 30er Jahren der Treibhauseffekt so stark sein, dass die Erderwärmung die kritische Schwelle von 1,5 Grad überschreitet.

UN-Generalsekretär António Guterres hat die Politik aufgerufen, endlich entschlossen zu handeln. „Die Lebensfähigkeit unserer Gesellschaft hängt davon ab, dass Führungskräfte in Politik, Unternehmen und der Zivilgesellschaft geeinigt hinter politischen Vorgaben, Maßnahmen und Investitionen stehen, die den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen.“

„Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend, die Beweise unwiderlegbar.“ Auch die Lösungen sind bereits da, sie müssen nur noch konsequent umgesetzt werden. „Der Bericht muss die Totenglocke für Kohle und andere fossile Brennstoffe sein, bevor sie unseren Planeten zerstören“, sagte er.

Der Weltklimarat, auch International Panel of Climate Change (IPCC) genannt, gehört zu den Vereinten Nationen. Er wurde geschaffen, um politischen Entscheidungsträgern regelmäßige wissenschaftliche Bewertungen zum Klimawandel, seinen Auswirkungen und möglichen zukünftigen Risiken zu liefern sowie Anpassungs- und Eindämmungsoptionen vorzuschlagen. Durch seine Bewertungen ermittelt das IPCC den Wissensstand zum Klimawandel.

Es zeigt auf, wo in der wissenschaftlichen Gemeinschaft Einigkeit zu Themen im Zusammenhang mit dem Klimawandel besteht und wo weiterer Forschungsbedarf besteht. Die Erstellung und Prüfung der Berichte erfolgt in mehreren Stufen und gewährleistet so Objektivität und Transparenz. Das IPCC betreibt keine eigene Forschung. Die IPCC-Berichte sind neutral, politikrelevant, aber nicht richtlinienkonform. Die Bewertungsberichte sind ein wichtiger Beitrag zu den internationalen Verhandlungen zur Bekämpfung des Klimawandels. Der IPCC wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UN Environment) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet und hat 195 Mitgliedsländer. Im selben Jahr hat die UN-Generalversammlung die Aktion von WMO und UNEP zur gemeinsamen Gründung des IPCC befürwortet

 

Er hat als wissenschaftliches Gremium und zwischenstaatlicher Ausschuss eine Doppelfunktion. Was das bedeutet, wird deutlich, wenn man sich die Aufgaben der drei Gruppen anschaut, aus denen sich der IPCC zusammensetzt:

  • Bei der Autor*innen- und Gutachter*innengruppe handelt es sich um Fachleute aus aller Welt. Sie schreiben und begutachten Klimasachstandsberichte, sogenannte Assessment Reports (AR), und Sonderberichte.
  • Regierungsvertreter*innen von Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (VN) oder der WMO. Sie begutachten die Berichte und müssen ihnen zustimmen, bevor sie veröffentlicht werden. Das kann so weit führen, dass bestimmte Teile umgeschrieben werden müssen. Wissenschaftler*innen betonen aber, dass durch diesen Prozess der Bericht besser wird.
  • Beobachter*innen, dazu zählen circa 150 Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Sie beobachten den Prozess.

Die zentrale Aufgabe des IPCC ist es, die neusten und wichtigsten klimawissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Ursachen, Folgen und Risiken des Klimawandels zusammenzustellen. Gleichzeitig zeigt er auf, wie die Weltgemeinschaft die negativen Folgen der Erderwärmung abmildern und/oder sich an sie anpassen kann. Alle sechs bis sieben Jahre wird ein neuer Klimasachstandsbericht veröffentlicht – drei bis vier Jahre davon dauert die Erstellung eines neuen Berichts. Pro Kapitel wirken, je nach Umfang, 100 bis 250 Fachleute als sogenannte Leadautoren mit.

Quelle: IPCCQuarks

 

Warum 1,5 Grad?

Die Eisbären sind weit weg. Auch der tauende Permafrost in Sibirien oder die Hitzewelle mit fast 50°C in Kanada und Teilen der US-Westküste sind nicht gerade um die Ecke.

Der Klimawandel ist leider längst nicht mehr etwas, was in ferner Zukunft irgendwo weit weg passiert, sondern betrifft uns auch heute schon, hier in Deutschland.

  • 2018 bis 2020 waren die wärmsten und trockensten Jahre, die jemals in Deutschland gemessen wurden. Der Harz stirbt. Wälder vertrocknen, der Borkenkäfer besorgt den Rest.
  • August 2020: aufgrund der Dürre gibt es in der Gemeinde Lauenau in Niedersachsen zeitweise kein Wasser mehr aus den Wasserhähnen.
  • Juni 2021: Unwetter verwandeln Teile von Landshut in reißende Bergbäche und setzen die historische Altstadt unter Wasser
  • Juni 2021: tischtennisballgroße Hagelkörner in Baden-Württemberg
  • Juni 2021: ein Tornado verwüstet das Nachbarland Tschechien
  • Juli 2021 Flutkatastrophe in Teilen von Rheinland-Pfalz, NRW und Bayern sowie in unseren Nachbarländern Belgien, den Niederlanden und Frankreich

Und es wird mehr.

Das alles bei nur 1,2 Grad globalem Temperaturanstieg – wie wird es mit 2 oder 3 oder gar 4 Grad mehr werden?

Jedes Zehntelgrad hat Auswirkungen auf unsere Erde und damit auch auf unsere Lebensgrundlage.

Wird die Temperaturerhöhung gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht deutlich unter 2 Grad gehalten, drohen zahlreiche Kippelemente den Klimawandel durch Rückkopplung weiter zu verstärken. Durch einen Domino-Effekt könnten so immer neue Kippelemente überschritten werden und wir erleben einen vollständigen Kontrollverlust über das Erdklima: Eissschmelze, auftauende Permafrostböden, Absterben des Amazonas-Regenwaldes und des Great-Barrier-Riffs, folgenschwere Veränderungen von Meeresströmungen.

Viele Expert*innen sind sich einig: Das wäre der Untergang unserer Zivilisation.

Auch interessant: Prof. Will Steffens „Die große Wende voraus“

Hinter uns stehen – Bevölkerung, Wissenschaft und Bundesverfassungsgericht

Wir stehen heute an einer Kreuzung, an der wir uns für einen Weg entscheiden müssen, der uns in die Zukunft führt. Für eine lebenswerte Zukunft braucht es also jetzt mutige politische Entscheidungen.

Mit der Forderung nach einer lebenswerten Zukunft sind wir nicht alleine – „besonders der Klimaschutz bleibt während der Pandemie für 70 Prozent weiterhin genauso wichtig, für 16 Prozent ist er sogar wichtiger geworden.“

Bahnbrechendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts

 

Auch das Bundesverfassungsgericht hat der amtierenden Regierung deutlich gemacht, dass in Sachen Klimagesetzgebung noch deutlich nachgebessert werden muss und fordert verbindliche Klimaziele weit über das Jahr 2030 hinaus.

Laut Ansicht des Gerichts ist das deutsche Klimaschutzgesetz aus dem Jahr 2019 in weiten Teilen nicht mit den Grundrechten vereinbar. In der Pressemitteilung Nr. 31/2021 vom 29. April 2021 wird bestätigt, dass das Gesetz insbesondere junge Menschen in ihren Freiheitsrechten einschränkt, denn es verschiebt effektive Maßnahmen gegen den Klimawandel zu weit in die ferne Zukunft.

Und je weiter die Maßnahmen zur Begrenzung der Erderhitzung nach hinten verschoben werden, desto drastischer sind die Maßnahmen, die dann ergriffen werden müssen. „Von diesen künftigen Emissionsminderungspflichten ist praktisch jegliche Freiheit potentiell betroffen, weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind“, heißt es in der Erklärung. Zur Wahrung grundrechtlich gesicherter Freiheit hätte der Gesetzgeber Vorkehrungen treffen müssen, „um diese hohen Lasten abzumildern“.

Das Urteil zeigt, um was es bei guter Klimapolitik geht: Die Sicherung der Grundrechte jetziger und zukünftiger Generationen.

Entschiedene Stellungnahme des Bürgerrats Klima – das 1,5-Grad-Ziel hat oberste Priorität

 

Dieses Jahr traf sich zum ersten Mal der Bürgerrat Klima mit insgesamt 160 zufällig aus der Bevölkerung ausgewählten Personen, um darüber zu diskutieren, mit welchen Maßnahmen der Klimawandel sinnvoll begrenzt werden kann und gleichzeitig sozialverträglich bleibt. Und auch der Bürgerrat – immerhin ein Querschnitt aus der deutschen Bevölkerung – kommt zum Ergebnis:

Das 1,5-Grad-Ziel hat oberste Priorität.

  • „Vor dem Klima sind wir alle gleich. Um den Erhalt der Lebensgrundlage aller Menschen, von dem die Zukunft der nachfolgenden Generationen abhängt, sicherzustellen, ist das 1,5-Grad-Ziel nicht verhandelbar. Jedes neue Gesetz ist auf seine Klimaschutzwirkung zu überprüfen und darf den Klimazielen nicht entgegenwirken. Klimaschutz ist ein Menschenrecht und muss ins Grundgesetz aufgenommen werden.“
  • „Der Klimaschutz dient dem Allgemeinwohl und hat Priorität vor Einzelinteressen.“
  • „Für jedes Handeln, das Auswirkungen auf das Klima hat, muss Aufklärung und Transparenz gegeben sein.“
  • „Für die Klimawende müssen alle Verantwortung übernehmen und zu Veränderung bereit sein.“
  • „Die Klimawende muss sozial gerecht sein.“
  • „Die Klimawende muss sozial generationengerecht sein.“
  • „Die Zukunft der Wirtschaft muss klimaneutral sein.“

Alle Ergebnisse finden Sie hier: https://buergerrat-klima.de/die-ergebnisse

ABER: Ohne rasches Handeln der Politik geht es nicht! Die Ergebnisse sind ein sehr deutlicher Auftrag an die Politik, das 1,5-Grad-Ziel ernsthaft zu verfolgen, um „den Erhalt der Lebensgrundlagen aller Menschen sicherzustellen“.

Eine machbare Herausforderung – wie die Erderwärmung laut Wissenschaft noch aufgehalten werden kann

 

Wissenschaftler warnen seit Jahren immer deutlicher vor den dramatischen Folgen des Klimawandels, präsentieren aber auch umsetzbare Lösungen, wie zum Beispiel in der viel beachteten Wuppertal-Studie, in der konkrete Maßnahmen aufgelistet werden, den Klimawandel zu stoppen.

Im Oktober 2020 zeigte die Studie „Wie Deutschland bis 2050 klimaneutral wird“ des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, dass es mit genug politischem Willen und zukunftsgerichteten Entscheidungen (noch) möglich ist, in Deutschland eine Politik zu gestalten, die dazu beiträgt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Allerdings ist der Weg dorthin eine enorme Herausforderung.

Das Wuppertal Institut erklärt: Das Einhalten der 1,5-Grad-Grenze ist dann möglich, wenn Deutschland bis etwa 2035 CO2-neutral wird und auch nur dann, wenn die Emissionen schon in den unmittelbar vor uns liegenden Jahren extrem sinken. Das Erreichen von CO2-Neutralität wäre “bis zum Jahr 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll […], grundsätzlich aber möglich”,  so die Studie.

Jede Wahl ist Klimawahl!

Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, die Wissenschaft bestätigt, dass es anspruchsvoll, aber nicht hoffnungslos ist, in Deutschland den 1,5-Grad-Pfad einzuhalten. Die Bürger und Bürgerinnen haben entschieden, diesen Kurs mitzutragen.

Die Politik hat also von allen Seiten einen deutlichen Auftrag bekommen – wer diesen Auftrag am besten angenommen hat, sehen Sie in unseren Klimawahlchecks.

Was passiert, wenn wir jetzt handeln – oder warum sich gute Klimapolitik lohnt

Die Forderungen an Politik und Gesellschaft sind enorm, das steht außer Frage – aber sie sind machbar. Und sie lohnen sich für uns alle, für die heutigen wie die künftigen Generationen.

Denn wenn wir es geschafft haben, klimaneutral zu werden, haben wir auch:

  • grünere Städte mit sauberer Luft, weniger Lärm und mehr Platz für Menschen 
  • nachhaltige Produkte, die länger halten und besser recycelt werden können
  • neue Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Branchen
  • Wirtschaftswachstum und sichere Arbeitsplätze
  • sichere Wasserversorgung und Lebensmittel
  • preisgünstige Stromversorgung ohne schlechtes Gewissen
  • besseren und günstigeren ÖPNV mit Bus und Bahn sowie sichere Radwege
  • Wald, der wieder wächst und in dem wir uns erholen können